Sonntag, 28. November 2010

Rassehunde, ist ihnen noch zu helfen?



http://de.sevenload.com/videos/phIWZPx-Rassehunde-ist-ihnen-noch-zu-helfen



Die Wahrheit über die Rassezucht
Die Tierheime sind überfüllt und dennoch werden Hunde gezüchtet. Die Gründe für viele, sich einen Rassehund zu kaufen und eben keinem Mischling ein Zuhause zu geben, sind „bekannte Wesens- und Charaktereigenschaften“ und „Schönheit“. Abgesehen davon, dass hundliches Verhalten weniger genetisch als vielmehr durch Lernerfahrungen beeinflusst wird, hat diese Schönheit ihren Preis: Denn die Rassestandards regeln nahezu ausschließlich das Aussehen der Hunde, auf Krankheiten durch die massive Inzuchtpraktik wird kaum geachtet.
ZüchterInnen erklären standhaft, durch Inzucht angebliche Schwächen einer Rasse auszumerzen und gute Eigenschaften zu verstärken – entgegen aller Regeln der Wissenschaft und der Logik.
So wurde ein Pekinese Sieger der weltweit größten Hundeshow. Noch während der Siegerehrung musste er jedoch wegen Überhitzung auf eine Eispackung gesetzt werden – wofür er traurige Berühmtheit erlangte. Der für Pekinesen typische runde Kopf und die kurze Nase (Brachycephalie) schränken nämlich die Atmung massiv ein und somit auch die Temperaturregulation.
Vielfach werden Welpen, die den Vorstellungen nicht entsprechen, einfach getötet. Es ist gängige Praxis, dass Rhodesian Ridgback-Welpen, denen der rassetypische Haarkamm am Rücken fehlt, eingeschläfert werden – und das, obwohl Hunde, die diesen Haarkamm tragen, krankheitsanfälliger sind (Spina bifida, Dermoidsinus).
Durch die Praktiken der Hundezucht wird extremes Leid produziert:
Die heutigen Rassenhunde repräsentieren nur mehr 10% der ursprünglich vorhandenen Genvariabilität ihrer vor 40 Jahren lebenden Verwandten. 90% der Gene sind durch die Inzucht bereits verloren gegangen. Die genetische Vielfalt der wenigen – unter Artenschutz stehenden - Riesenpanda-Individuen ist größer als die der millionenfach gezüchteten Rasselinie des Britischen Mops. Viele von ihnen leiden unter einer angeborenen Deformation der Wirbelsäule. Wäre eine derartige Veränderung durch einen Schlag passiert, müsste der/die TäterIn sich wegen Tierquälerei vor Gericht verantworten – ZüchterInnen müssen keine Konsequenzen fürchten.
Das alles und viel mehr zeigt die Dokumentation „Rassenreine Krüppel – Zu Tode gezüchtet“.

Samstag, 27. November 2010

Gefährliche Hunde? über Rasseliste, Hundeführschein, überfüllte Tierheime und Diskriminierung



Passiert man die Wiener Stadtgrenze, ist ein Übersehen der „Ja zum Kampfhundeführschein!“-Plakate kaum möglich. Die Beiß-Vorfälle, in denen sogenannte Kampfhunde involviert sind, häufen sich signifikant – so zumindest das Bild, das die Medien transportieren. Aber wieviel Wahrheit steckt objektiv hinter all diesen Horrormeldungen?
Die Rasseliste: wer oder was ist ein Kampfhund?
Aus wissenschaftlich biologischer Sicht gibt es keine "Kampfhunde". Die historischen Hundekämpfe und somit die daran beteiligten Hunde gehören der Vergangenheit an. Auch die Tatsache, dass illegale Hundekämpfe stattfinden, rechtfertigt die Verwendung des Begriffs „Kampfhund“ nicht und hat vor allem im Bezug auf die Rasseliste keine Bedeutung. Denn diese Hunde sind vielfach keiner bestimmten Rasse zugehörig, unter schlechten Bedingungen aufgewachsen und von Welpenbeinen an auf Aggressivität trainiert. Die verantwortliche Personengruppe weicht schließlich auf andere Rassen oder Mischlinge aus bzw. erscheint ohnehin nie in einer Statistik.
Betrachtet man die heutigen definierten Zuchtziele der inkriminierten Rassen, ist bei keiner dieser Rassen Kampftrieb oder Aggressivität als Zuchtziel vorgegeben. Übermäßige Aggressivität stellt sogar einen zuchtausschließenden Faktor dar. Selbst in der ursprünglichen, historischen Kampfhundezucht gab es bei diesen Rassen einen jahrelangen planmäßigen Ausleseprozess, bei dem Hunde, die einen Menschen beim Hundekampf aus Schmerz oder Angriffslust verletzten, aus der Zucht genommen wurden. Diese Hunde wurden also explizit auf Nicht-Aggressivität dem Menschen gegenüber gezüchtet.
Wie sehr sich die züchterische Auslese durch den Menschen auf eine Hunderasse auswirkt, zeigt der Dackel äußerst anschaulich:
Ursprünglich wurde dieser als reiner Jagdhund für die Arbeit, also den Kampf mit Dachsen und Füchsen unter der Erde eingesetzt. Die Härte und Schmerzunempfindlichkeit, die ein Hund für diese unfairen Kämpfe benötigt, sind absolut gleichzusetzen mit dem ehemaligen Zuchtziel der Kampfhunde. Heute ist der Dackel hauptsächlich Begleit- oder Familienhund, somit veränderte sich selbstverständlich auch die ursprünglich wichtige Kampfbereitschaft. So sind die meisten Dackel heute verträgliche und friedliche Hunde. Ganz analog verhält es sich bei den sogenannten Kampfhunden.
Von der vielzitierten Studie, die besagt, dass für 25% der Bißverletzungen die 5% „Kampfhunde“ verantwortlich sind, gibt es keine näheren Angaben. Wenn tatsächlich eine Bißstatistik als Begründung herangezogen worden wäre, müsste der Deutsche Schäferhund und seine Mischlinge der Rasseliste angehören.
Was beeinflusst hundliches Verhalten?
In erster Linie spielen hier Sozialisation und Lernerfahrungen eine Rolle: Welpen und Junghunde sollen viele positive Kontakte zu Sozialpartnern (Menschen und andere Tiere) und Umwelteindrücken erleben. Dies stellt die so enorm wichtige Basis dafür dar, dass Hunde sich im menschlichen Alltagsumfeld wohl und sicher fühlen. Ein Hund, der sich in seiner Umgebung sicher fühlt, hat keinen Grund, sich zu wehren.
Machen Welpen und Junghunde hingegen keine oder schlechte Erfahrungen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Hunde in gewissen Alltagssituationen im menschlichen Umfeld unsicher fühlen oder sogar große Angst haben.
Zweiter wichtiger Faktor in Punkto „sozial verträglicher Hund“ stellt eine gute (Vertrauens-) Beziehung zu den BesitzerInnen dar. Verantwortungsbewusste Bezugspersonen wissen über Hundesprache Bescheid und informieren sich bei qualifizierten HundetrainerInnen über tierschutz- und hundegerechtes Training. Militärisches Gebrüll, Alpha-Wurf, Leinenruck, etc sollten schon längst der Vergangenheit angehören – gerade auch der Sicherheit wegen: Gewalt erzeugt Gegengewalt.
Der Faktor Rasse spielt in einem derart komplexen Sozialsystem, in dem Hunde gemeinsam mit Menschen leben, eine eher untergeordnete Rolle. Von Fachleuten wird der Erblichkeitsgrad von Wesensmerkmalen deutlich niedriger eingeschätzt, als der des körperlichen Erscheinungsbildes.
Auch aus juristischer Sicht ist es kaum haltbar, sämtliche Exemplare der vom Gesetzesgeber als „Kampfhunde“ bezeichneten Hunderassen von vorne herein als gesteigert aggressiv oder gefährlich einzustufen. Aggressionsverhalten gehört zum Normalverhalten eines jeden Hundes, egal ob Pitbull, Rottweiler oder Golden Retriever. Insofern ist es äußerst kritisch zu sehen, dass BesitzerInnen von sogenannten „Kampfhunden“ sowohl vermehrt zur Kasse gebeten werden, als auch diverse gesellschaftliche Hürden bis hin zu Diskriminierung ertragen müssen.
Aus Fehlern sollte gelernt werden: in einigen europäischen Ländern, in denen „Kampfhundegesetze“ erlassen wurden, wird deren Sinnhaftigkeit bereits massiv angezweifelt. In Italien wurden die Verordnungen zurückgenommen, da sie keine Verbesserung der Situation mit sich brachten.
Der Hundeführschein als Lösung?
Der aktuelle Wr. Hundeführschein ist nur eine Momentaufnahme. Die theoretische Prüfung besteht aus einem Multiple Choice Test ohne Ausbildung davor. Mehrfaches Durchclicken durch den Fragenkatalog reicht als Vorbereitung völlig aus.
Die praktische Prüfung zeigt die Bereitschaft des Hundes, sich von der/dem BesitzerIn untersuchen zu lassen und testet den vorausschauenden Umgang mit dem Hund. Hat ein Hund beispielsweise Angst vor Männern, ist es notwendig, Männern auszuweichen anstatt den Hund zum Kontakt zu zwingen. Erfolgt dieses Ausweichen vor potenziellen Stressfaktoren in der Prüfungssituation, gilt der Hundeführschein als bestanden.
Dies zeigt bereits, dass der Wiener Hundeführschein keine Ausbildung für „schwierige“ Hunde ist. Es gibt keine verpflichtende praktische Hilfestellung bei HundetrainerInnen, die mittels Motivation und positiver Verstärkung arbeiten.
Hunde, die diese Prüfung bestehen, sind somit weder weniger noch mehr gefährlich als davor.
Kleines Detail am Rande: Menschen, die mit ihren Listenhunden die Prüfung bestehen, werden nicht – wie alle anderen HundehalterInnen – ein Jahr von der Hundesteuer befreit!
Der eingeschränkt auf die Rasseliste verpflichtende Hundeführschein verfehlt aber nicht nur das erklärte Ziel, nämlich eine Erhöhung der öffentlichen Sicherheit. Negativ kommt hinzu, dass durch die Einschränkung auf bestimmte, angeblich „gefährliche“, Rassen Menschen wie Hunde diskriminiert werden: Kinder, deren Familienhund der Rasseliste angehört, werden in der Schule gemobbt, Nachbarschaftsstreitereien bekommen neue Themen, öffentliche Beschimpfungen stehen an der Tagesordnung – und das alles, ohne dass der vermeintliche Kampfhund jemals als solcher auffällig wurde.
Die Auswirkungen dieser alltäglichen, öffentlichen Diskriminierung sind verheerend. Sogenannte Kampfhunde werden abgegeben und ausgesetzt wie Spielzeug, das den Spassfaktor nicht erfüllt. Die Tierheime sind zum Bersten voll und knapp vor dem Aufnahmestopp. Die Menschen, die in der glücklichen Lage sind, einen Nicht-Listenhund zu besitzen, betrifft all das selbstverständlich auch: auf legale Art und Weise einen Dackel wegen lang andauernder Krankheit im Tierheim unterzubringen, ist nahezu unmöglich geworden.
Die Exekutierbarkeit der Rasseliste ist unabhängig von der fachlichen Verfehlung ein unmögliches Unterfangen. Selbst Kynologen haben gar nicht selten Schwierigkeiten damit, einander ähnliche Rassen zuverlässig auseinander zu halten, von Mischlingen gar nicht zu sprechen. Dass eine Schulung für PolizistInnen angedacht wird, ist zwar zu begrüßen, das wird aber das Dilemma nicht verändern. Entgegen der sonst gültigen Unschuldsvermutung liegt hier die Beweislast bei den BesitzerInnen: wird ein Hund verdächtigt, ein sogenannter Kampfhund(-mischling) zu sein, ist der/die BesitzerIn verpflichtet, den Unschuldsbeweis zu erbringen.
Ja, richtig, es muss nicht bewiesen werden, dass der Hund einer Rasseliste angehört, sondern der/die HundehalterIn muss den Beweis der Unschuld antreten. Und zwar mittels teurer DNA-Tests, deren Aussagekraft noch sehr umstritten ist.
Ob ein Hund potenziell gefährlich ist, muss immer noch individuell und rasseunabhängig entschieden werden - am besten durch vereinsunabhängige ExpertInnen, deren Methoden auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und gewaltfrei sind.
Um tatsächlich die öffentliche Sicherheit im Zusammenleben mit Hunden besser zu gewährleisten, sind aber noch einige Maßnahmen im Vorfeld zu treffen:
- ausreichend große Hundeauslaufflächen, um einen Ausgleich zu Leinen- und Beißkorbpflicht zu ermöglichen
- Verpflichtende Seminare über Hundeverhalten und -training vor der Anschaffung eines Hundes
- Regelung der TrainerInnenausbildung und -zertifizierung, Verpflichtung zu tierschutzkonformen Methoden
- keine Vermehrung
- kein Welpenhandel, kein Verkauf in Zoofachgeschäften
- streng geregelte Zucht (Exekution des Verbots von Qualzuchten), Gewährleistung einer ausreichenden Sozialisation der Welpen
- Verpflichtende Sterilisation oder Kastration
- Verbot von auf psychischer und physischer Gewalt basierenden Ausbildungsmethoden
- Verbot der bewussten Steigerung der Aggression, strenge Regelungen bzw. Verbot der Schutzhundeausbildung (auch im Sport)
- Aufklärung der Öffentlichkeit, vor allem der Kinder, über Grundlagen eines sicheren Umgangs mit fremden und bekannten Hunden
- Förderung von Tierheimen
- Einführung eines Qualitätsstandards von Tierheimen
Eine Rasseliste heuchelt eine einfache Lösung für ein komplexes Problem vor. Die individuellen Unterschiede im Verhalten sind viel bedeutender und zahlreicher, als rasseabhängige. Die Maßnahmen sind völlig inkorrekt, ineffizient und sogar grob fahrlässig. Hier wird ein „gut-böse, schwarz-weiß“-Bild vermittelt, das es so in der Realität nicht gibt.
Hunde und Menschen leben seit tausenden von Jahren miteinander. Was am Anfang möglicherweise eine reine Zweckgemeinschaft war, ist heute ein freundschaftliches Zusammenleben. Hunde sollten als Familienmitglieder mit eigenen Bedürfnissen und Interessen respektiert werden. Es versteht sich von selbst, dass Hunde weder als Waffe noch als Kinderspielzeug missbraucht werden dürfen. Hier stimmen die Interessen der Hunde und der öffentlichen Sicherheit absolut überein.

Freitag, 26. November 2010

LeserInnenbrief zum Artikel "Ruck & Zuck" im DOGS-Magazin

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin grundsätzlich sehr froh darüber, dass das Thema Leinenruck und gesundheitliche Schäden von Ihnen behandelt wird (insbesondere das Interview mit Dr. Kerstin Röhrs). Am Beginn des Artikels „Ruck & Zuck“ wurde auch wirklich sehr anschaulich erklärt, welche Ursachen und Folgen das andauernde Zerren haben kann.
Leinenführigkeit zählt auch für mich zu den wichtigsten Dingen, die ein Hund lernen sollte, nicht zuletzt auch seiner Gesundheit wegen. Sehr schön erklärt wurde die Tatsache, dass sich die Anspannung der Leine allein schon auf den Hund auswirkt und somit aggressives Verhalten auslösen kann (klassische Konditionierung). Bis hierhin stimme ich größtenteils überein.
Als dann jedoch Hundetrainer Michael Grewe eine Anleitung für die richtige Anwendung eines – sehr verharmlosend formulierten – „verhältnismäßigen Leinenimpuls“ gibt, war mein positiver Eindruck zunichte gemacht. Wie kann man hier von „Verantwortung übernehmen“ sprechen?
Es ist auch ein haushoher Unterschied, „über das Mittel eines gelegentlichen Leinenrucks“ den Hund daran zu erinnern, dass Ziehen unerwünscht ist, oder die Leinenführigkeit völlig auf Leinengerucke aufzubauen. Im ersteren Falle gehe ich davon aus, dass der Hund mittels positiver Methoden bereits gelernt hat, an der Leine zu gehen - aber selbst dann lehne ich den systematisch eingesetzten „Leinenimpuls“ als Erinnerung ab.
Den Hund aber sprichtwörtlich „ins offene Messer“ laufen zu lassen, also einen Fehler seinerseits zu provozieren – denn der Hund weiß ja noch gar nicht, worauf es ankommt – ist absolut tierschutzrelevant. Es ist schockierend, was hier vorgetäuscht wird: „Solange du dich an der Leine befindest, sollst du dich verstärkt am Verhalten deines Menschen orientieren“. Dies wird aber nicht durch Vertrauen und Sicherheit erreicht, sondern durch Einschüchterung und Verunsicherung, wie Grewe auch offen zugibt. Denn der Hund lernt in Wirklichkeit nichts anderes, als dass eine angespannte Leine äußerst unangenehm werden kann und vermeidet daher diese Situation.
Durch die Anleitung „nicht auf den Hund eingehen“ und „ohne emotionale Regung“, wenn dieser verunsichert Richtung Frauchen/Herrchen blickt, soll wohl die Beziehung zum Hund nicht leiden. Das tut sie aber auf alle Fälle, denn der Hund wird in seiner Verunsicherung alleine gelassen – was nicht unbedingt für die Führungsqualität am anderen Ende der Leine spricht. Hier von Motivation des Hundes, die Lösung zu finden, zu sprechen, zeugt von völliger Unkenntnis oder bewusster Irreführung: ich bin motiviert, wenn ich etwas Positives erwarte, nicht, wenn ich nur etwas Negatives loswerde!
Am Schluss kommt aber der eigentliche „Wert“ dieser Übung zum Vorschein: wenn die Interessen des Menschen im Vordergrund stehen, hat der Hund sich anzupassen. Der Hund soll schon allein das Nicht-Beachtet-Werden als Signal sehen, dass er jetzt einfach „funktionieren“ muss – ansonsten wirds unangenehm!
In Fussgängerzonen, die an sich schon für Hunde sehr verunsichernd wirken, einen derartigen Gehorsam zu verlangen, erinnert an „die alte Schule“. Wodurch ist dieser Verlust an Empathie, Mitgefühl und Respekt vor den Bedürfnissen anderer Lebewesen begründet?
Zuguter letzt finde ich die Tatsache äußerst bedenklich, wie häufig wiederholt wird, dass dieses Training nichts für Autodidakten ist – aber dennoch eine detailierte Trainingsanleitung gegeben wird. Mir wird etwas übel, wenn ich an die vielen Autodidakten denke...
Und übrigens: Einigkeit „darüber, dass sich der Leinenruck als Standarderziehungsmethode eignet“ herrscht absolut nicht, zum Glück gibt es auch TrainerInnen, die mit tatsächlicher Motivation und Belohnung arbeiten und auf diese Weise eine wirklich vertrauensvolle und harmonische Beziehung zu ihrem Hund erreichen.
Ich hoffe wirklich, dass dieser Artikel eine Ausnahme darstellt, denn unter diesen Gesichtspunkten muss ich von einem geplanten Abo wieder absehen. Bisher war ich DOGS gegenüber sehr positiv eingestellt.
Mit freundlichen Grüßen,
Mag. Ursula Aigner
Verhaltensbiologin und Hundetrainerin

Spaziergang an der lockeren Leine – Erziehung notwendig oder überflüssig?

Es gibt wohl keinen Hund, der nicht mit dem Thema „Leine“ irgendwann mal konfrontiert wird. Besonders im städtischen Bereich ist die Leine aber nicht nur gesetzlich auferlegtes Übel, sondern auch eine notwendige Maßnahme im Sinne der Sicherheit für alle Beteiligten.
Um möglichst stressfrei und hundefreundlich das Beste aus der Leinen-Situation zu machen, ist das richtige Equipment besonders wichtig.
Die Verwendung eines Brustgeschirrs gegenüber einem Halsband ist unbedingt vorzuziehen.
Wenn ein Hund an einem Halsband regelmäßig zieht (oder gezogen wird), kann es zu Verschiebungen im Bereich der Halswirbelsäule, zu Quetschungen des Kehlkopfes und der Schilddrüse und zu einem Anstieg des Augeninnendrucks (Folgen: Netzhautablösung und grauer Star) kommen. Darüberhinaus erfolgen eine massive Sauerstoffunterversorgung im Gehirn und eine äußerst unangenehmene Lernerfahrung für den Hund.
Übrigens verbinden die wenigsten Hunde die gespannte Leine mit der „Würgesituation“. Entweder wirken sie vor Stress völlig hektisch, weil sie nicht wissen, wie sie den Druck verringern können, oder sie verknüpfen das „Gewürgt-werden“ mit dem Erscheinen von aus ihrer Sicht verantwortlichen Auslösern (andere Hunde, Menschen, Umweltreize aller Art) und reagieren auf diese immer negativer.
Die Verwendung eines Brustgeschirres bedeutet aber auf keinen Fall, dass ständiges Ziehen an der Leine kein Problem wäre:
Durch die Aufkrümmung der Wirbelsäule kann es zu einem Katzenbuckel kommen, der Schulter- und Oberarmbereich wird extrem belastet und bei zusätzlich schlechter Passform (Druck- oder Scheuerstellen) kann es unter den Achseln zu Reizungen oder sogar Verletzungen des Nervengeflechts und der Blutgefäße kommen.
Die Leine sollte gut in der Hand liegen und längenverstellbar sein: sogenannte Schleppleinen gibt es ab 5 Metern Länge. Hier kann je nach Situation entschieden werden, wieviel Spielraum der Hund haben kann. Der Teil der Leine, der gerade nicht gebraucht wird, wird aufgerollt in einer Hand gehalten.
Sogenannte „Flexileinen“ sollten möglichst nicht verwendet werden. Einerseits wird den Hunden auf diese Weise systematisch das Ziehen beigebracht, andererseits rutscht der Griff sehr schnell aus der Hand und wird zum gefährlichen Geschoss.
Doch wie lernt der Hund, (zumindest größtenteils) das Gehen an der lockeren Leine?
Methoden wie Leinenruck (auch verharmlosend „Leinenimpuls“ genannt) oder andere Einschüchterungstaktiken, die auf Druck und Strafe aufbauen, sind absolut nicht hundegerecht und daher abzulehnen.
Wenn Hunde regelmäßig durch sich-in-die-Leine-stemmen zum erwünschten Ziel kommen, werden sie es selbstverständlich weiterhin auf diese Weise versuchen. Erste Grundvoraussetzung ist also, rücksichtsvoll und aufmerksam mit dem Hund gemeinsam unterwegs zu sein.
Das bedeutet, den Hund (mit Leckerlis) so oft wie möglich zu belohnen, wenn die Leine durchhängt, und emotionsneutral stehen zu bleiben, wenn sich die Leine spannt. Hat der Hund dieses Prinzip einmal verstanden, kann die Belohnung selbstverständlich auch einfach das Weitergehen an sich (oder was auch immer der Hund tun möchte) sein. Hier heißt es Geduld haben und konsequent (nicht streng!) sein.
Bei manchen Hunden, die bereits über lange Zeit sehr erfolgreich im Ziehen waren, kann es sein, dass sich Verbesserungen sehr langsam einstellen. Hier hilft nur Geduld, Konsequenz und ggf. eine HundeverhaltenstrainerIn, die mit Motivation und Belohnung arbeitet. Oft genügen wenige Hinweise und Tipps, um zum gewünschten Erfolg zu kommen – immer vorausgesetzt, der/die BesitzerInnen nehmen ihre Verantwortung wahr.